Technikdemo
Die diesjährige CeBIT, beschämenderweise meine erste, lässt mich nach ein paar Tagen Erholung vom überbordenden Schauen und fußplättenden Umherlaufen mit gemischten Gefühlen zurück. Obwohl ein kompletter Messetag nicht ausreichte, um alle Aussteller und Produkte auch nur anzusehen – selbst wenn man die Sintflut aus ostasiatischen Minifirmen, deren Namen fast durch die Bank auf “-tech” enden, links liegen lässt – und die Ausstellungsfläche locker ausgereicht hätte, um alle Spiele einer Fußball-Weltmeisterschaft gleichzeitig auszutragen, waren richtige Innovationen so schwer zu finden wie eine Nadel in der gesamten Heuernte Ringenbergs seit 1950. Was den trotz 20% Rückgang im Vergleich zum letzten Jahr immer noch vielen Besuchern als Neuerungen verkauft wurden, waren Weiterentwicklungen und mal mehr, mal weniger gut funktionierende Kombinationen bereits bekannter Technologien. Das ist an sich gar nicht besonders schlimm, doch die Konzepte hinter den Produkten und den Präsentationen waren oft von einer derart blindwütigen Sinnlosigkeit beseelt, dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Firmen bestünden nur noch aus ihren Werbeabteilungen. Deshalb zog sich durch den Donnerstagnach- und Freitagvormittag, den ich in Hannover verbrachte, ein in seiner Form variierendes, aber immer lauter werdendes “Warum?” in meinem Kopf. Warum? Nun…
Mein kleiner Rundumschlag beginnt bei der Technologie, die seit einer halben Ewigkeit in zahllosen Blogs, Zeitungen und Magazinen bis zur Reizüberflutung hochgejubelt wird: Multitouch-Flächen. Ich muss gestehen, dass mir das Herumspielen mit dem halbrunden, mehrere Meter langen Draufpatschtisch am Telekom-Stand (Halle 26) durchaus Spaß gemacht hat, doch gab’s das (in besserer Form) auch schon auf der CeBIT 2008. Das sei hier verziehen, glänzte der Stand der FH Aachen doch auch nicht gerade mit technischen Revolutionen, doch hier wird eine nur bedingt marktreife und dazu fehlgeleitete Technologie auf die Kunden losgelassen. Der Pferdefuß liegt dabei gerade in der hervorstechendsten Eigenschaft, denn die Multitouch-Erkennung arbeitet noch zu langsam. Die Bilder und Videos unter der berührungsempfindlichen Oberfläche benötigen ein paar Zehntelsekunden, um den wischenden Bewegungen der Finger zu folgen, was nicht nach viel klingt, sich jedoch zu einer halben Ewigkeit entwickelt, wenn ich mir vorstelle, mein Mauszeiger hätte eine solche Verzögerung. Schnelles und präzises Arbeiten lässt sich so kaum realisieren.
Darüber hinaus müsste man eine goldene Himbeere für die Idee vergeben, diese Technik in einem Tisch unterzubringen. Wer hat denn da seinen Verstand in Urlaub geschickt? Mal von den hygienischen Bedenken abgesehen ist die Bedienung eines Computers mit einem horizontal vor dem Benutzer liegenden Bildschirm eine ergonomische Katastrophe geradezu halsbrecherischen Ausmaßes. Wenn der Benutzer dann mal eine Pause braucht, gedankenverloren aufsteht oder die Arme auf die Platte legt und damit den Tisch verrückt spielen lässt, ist das Chaos perfekt. Dass sich das Möbelstück außerdem kaum noch als richtiger Tisch nutzen lässt, fällt da fast schon nicht mehr ins Gewicht.
Weiter geht’s bei Matrox (Halle 21). Der Grafikchiphersteller widmete seinen Messeauftritt der atemberaubenden Möglichkeit seiner Pixelschubser, drei Monitore gleichzeitig anzusprechen. Woohoo. Das Neue an der Sache ist wohl, dass es mittlerweile auch Spiele abseits des MS Flight Simulator gibt, die mit drei oder mehr Bildschirmen was anfangen können. Burnout Paradise auf dreimal 1280×768 mit 145° Blickwinkel war schon ein Erlebnis, aber für jemanden, der bereits seit einiger Zeit mit zwei Monitoren arbeitet, kein Grund zum Erstaunen. Meldet euch wieder, wenn ihr die Auflösung auf einem Bildschirm hinbekommt. Oder besser gleich dreimal Full-HD. Dann hebe ich auch mal beide Augenbrauen.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (Halle 9) hat’s wohl eher mit der zweiten Hälfte ihres Ressorts, sonst hätten die Damen und Herren gemerkt, dass die humanoiden Roboter, die auf ihrem Stand ausgestellt wurden, auch nur das sind: Humanoid. Sie sind nicht leicht zu koordinieren, der praktische Nutzen von genau zwei Armen (nicht mehr, nicht weniger) ist nach wie vor unbewiesen, und der Eignungsvorteil für bestimmte Aufgaben dem Menschen gegenüber beschränkt sich auf ihre Materialzusammensetzung. Hier möchte ich den schwarzen Peter aber nicht dem BBF zuschieben, denn die halbe Robotikbranche ist dieser Maxime verfallen. Dabei könnte man sich das Entwicklerleben so viel leichter machen, wenn man sich ein paar Dinge vor Augen führt: Der beliebteste Filmroboter ist weder der altruistische Sonny aus I, Robot noch Pixars liebeskranker Wall•E, sondern der rollende Blecheimer R2-D2 aus Star Wars. Ähnliches gibt es in der echten Welt zu sehen, wo Sonys Aibo in Hundeform ein Kassenschlager ist, während zu humanoide Roboter Menschen eher abschrecken. Sei’s drum – wenn das menschliche Maschinengehampel Forschungszwecken dient, soll es mir egal sein.
Eine komplette Halle (22) hatte Chipgigant Intel besetzt, um seine aktuelle Core-i7-Familie zu bewerben. Als Vehikel diente dabei die Electronic Sports League, genauer gesagt die Intel Extreme Masters III, beides Begriffe außerhalb der üblichen Gesprächsthemen eines normalen CeBIT-Besuchers. Entsprechend fremd wirkte das Spektakel, bei dem wettbewerbsmäßig die Spiele Counter-Strike und World of Warcraft gespielt und die Matches mit Audiokommentar unterlegt auf zwei großen Leinwänden vor Hunderten U30-Zuschauern gezeigt wurden. Aufwändig – klar, effektvoll – sicher, relevant – weit davon entfernt. Zum einen entfalten die brandneuen i7-Prozessoren ihre durchaus beeindruckende Mehrleistung gegenüber den älteren Core-2-Modellen hauptsächlich bei Anwendungsprogrammen und gerade eben nicht bei Spielen. Ferrari präsentiert seine neuen Motoren doch auch nicht in der Tempo-30-Zone. Zum anderen ist WoW mittlerweile vier Jahre, Counter-Strike satte zehn Jahre alt. Beide Spiele nutzen die Leistung eines Core i7 nicht einmal ansatzweise aus; selbst die Core 2 Extreme, mit denen sie gespielt wurden, sind hoffnungslos überdimensioniert.
Etwas unterdimensioniert war leider der Rechner für die Multiview-Präsentation auf “unserem” Stand in Halle 9, wo ich meine kleine Bashing-Tour über die CeBIT 2009 beenden möchte. Die Volleyballerinnen von Alemannia Aachen ruckelten sich in vierfacher Ausfertigung über den nur teilweise ausgefüllten HD-Fernseher und waren auch nicht immer absolut synchron, aber immerhin funktionierten Konzept und Technik, auch wenn der ausgelobte Lockspruch “Wir haben die BluRay ins Internet gebracht. Und nicht nur das – wir haben sie erweitert!” reichlich übertrieben war. Nicht so übertrieben jedoch wie der Name des Programms, das ein lang- und fettighaariger Mensch von der Fernuniversität Hagen am anderen Ende unseres Gemeinschaftsstands ausstellte: Ein “Total Freedom” genanntes Programm zur Steuerung von Powerpoint- oder PDF-Präsentationen durch Gesten, das jedoch so überaus empfindlich reagierte, dass selbst Passanten auf der gegenüber liegenden Seite des Ganges Folien umschalteten, ohne es zu merken. “Total Freedom if by total you mean that you must not make the slightest move unless you want to flip pages” wäre wohl ein passenderer Name gewesen.
Zumindest lustig anzuschauen, so wie der Rest der Messe.