Ich denke, also bin ich. Echt?
Neulich hat sich in meinem Heimatdorf jemand vor den Zug geworfen.
Das ist an sich nichts absolut außergewöhnliches, denn sowas passiert in der Gegend im Schnitt zweimal pro Jahr. Normalerweise schenke ich diesen freiwillig dahingeschiedenenfetzten Menschen keinerlei weitere Beachtung, von Mitleid oder Verständnis mal ganz zu schweigen. So wollte ich auch meiner Mutter, die mir die Beweggründe jenes Mannes mitteilte, dagegenhalten, dass es ziemlich dämlich gewesen sei, nur zur Lösung vergleichsweise lapidarer Probleme seine Existenz (zu beenden). Meine wörtliche Rede kam jedoch nur bis zur Klammer, denn vor dem Satzende bog mein Kopf plötzlich scharf ab und schaute sich das Ganze nochmal an.
Dieser jetzt über die Front einer Elektrolok verteilte Mensch hatte versucht, seinen Problemen zu entfliehen. Die Methode Suizid schien – unabhängig davon, dass sie vielen anderen Leuten einen Haufen Probleme verursachte – für ihn ein probates Mittel zum Erreichen dieses Ziels zu sein. Nun impliziert der Versuch, einen Ausweg aus einer Problemsituation zu finden, den Wunsch, eine Nicht-Problemsituation zu erleben. Hier beginnt die Logik des Selbstmordes zu bröckeln, und sie lässt sich nur noch aufrecht erhalten, wenn der Täter annahm, dass er noch Gelegenheit dazu bekäme, seine Problemlosigkeit zu genießen – dass es für ihn noch irgendetwas danach gäbe. Diese Einstellung der Welt gegenüber ist die direkte Antwort der Menschheit auf die Jahrtausende alte Angst vor der eigenen Vergänglichkeit, und genauso wie im Falle der derzeitigen Finanzkrise oder des schleichenden Ruins unseres Planeten sieht man hier wieder, wie schön sich ein Problem beseitigen lässt, wenn man so tut, als sei es gar nicht da.
Aber ich schweife ab. Es gilt den Kampf gegen die Vergänglichkeit zu gewinnen. Die Kirche hat dazu als Gegenstück zum nachweisbar nicht unvergänglichen menschlichen Körper die “Seele” erfunden, die Manifestation des Ichs als körperloses Irgendwas. Zum Leidwesen dieser Theorie hat es noch kein Wissenschaftler geschafft, die Existenz einer Seele zu belegen, und ich glaube, mich im Schulterschluss mit der Logik nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wenn ich behaupte, dass es die Seele nicht gibt. Die moderne Wissenschaft vertritt die Ansicht, dass das jedem Menschen innewohnende “Ich”-Bewusstsein eine Illusion des eigenen neuronalen Systems ist, entwickelt, um eine Basisposition für das Treffen von komplexen Entscheidungen zu besitzen.
Ein kleines Gedankenexperiment: Was unterscheidet mein eigenes Bewusstsein von z.B. dem meiner Schwester? Sicher, sie sind Projektionen verschiedener neuronaler Systeme, doch in ihrem Wesen sind sie nicht verschieden. Das erlebte “Ich”, das gerade diesen Text schreibt, fühlt sich für sich selbst genauso an wie das “Ich” meiner Schwester. Jeder Mensch trägt genetisch die Einbildung seiner jeweils eigenen Person mit sich; die Existenz einer wirklichen Person als metaphysische Entität ist nicht nachweisbar und sollte damit als interpretierbar angesehen werden. Wir wissen, dass unser Ich-Bewusstsein nicht bereits am Anfang unserer Evolution vorhanden war, sondern sich im Laufe der Jahrmillionen entwickelt hat. Was wir heute als “Tiere” bezeichnen, sind niedriger intelligente Lebewesen ohne eigenes Ich-Bewusstsein, doch das war der Mensch auch einmal; das freudsche Ego musste erst daraus entstehen. Dennoch gehen wir stillschweigend davon aus, dass die Personenidentität bis zum Ende des menschlichen Daseins die vorherrschende Projektion unserer Gehirne sein wird, was eine nicht unerhebliche Arroganz in Bezug auf unsere Spezies offenbart.
Es gibt keine Anzeichen dafür, dass wir mit Entwickeln fertig sind, also ist es durchaus möglich, dass das Ich-Bewusstsein nur eine Stufe darstellt. Heutige Auslegungen des Buddhismus und Hinduismus etwa enthalten ein Hyperbewusstsein, das das menschliche Bewusstsein als Inkarnation eines kollektiven Gesamtbewusstseins ansieht und die Person als Konzept in den Hintergrund drängt. Im Erbmaterial ist so eine Weltanschauung nicht enthalten, doch vielleicht ist das der nächste evolutive Schritt. Die Borg haben das Modell aufgegriffen, die Yrr haben es perfektioniert. Möglicherweise zieht der Mensch irgendwann nach, wenn er’s bis dahin schafft.
Mal wieder kann ich Deinem Gedankenverlauf nicht ganz folgen – nach dreimaligem Lesen bin ich aber der Auffassung, dass das nicht allein an mir liegt.
Fangen wir vorn an:
Die Sinnlosigkeit von Suizid war mir rein intuitiv immer bewusst, auch wenn ich das nie so analytisch betrachtet habe. Wenn ich nicht die Möglichkeit habe, die Folgen meines Handelns zu genießen, ist die Tat an sich absurd. Was ist aber, wenn ich nicht zu meinem eigenen “Vorteil”, sondern zu dem meiner Mitmenschen aus dem Leben scheiden möchte? Eine nicht wirklich nachvollziehbare Form von Menschenliebe, aber damit wäre eine solche Tat wieder zu rechtfertigen. Bezweifeln möchte ich dabei, dass eine Person, deren Abwesenheit die Existenz seiner Mitmenschen so bereichern würde, so selbstlos wäre. Das aber nur nebenbei…
Die Kirche gaukelt den Menschen vor, nach dem irdischen Leben existiere eine weitere, anstrebbare Daseinsform, und vielleicht schöpfen viele Selbstmörder ebenso, wie es Selbstmordattentäter nach der bekannten Übersetzungsschwäche des Koran so gern tun, ihre Hoffnung aus dieser Annahme. Aber ist nicht der logische Schluss hieraus, dass ein Verbot der christlichen Religion die Suizidraten sinken ließe? Auch wenn viele gläubige Menschen behaupten, das Leben sei sinnlos, wenn es nicht zur Bewährung für eine ewige Existenz dient, ist es im Grunde doch genau umgekehrt. Aber was soll ich hier lange predigen – auch Du hast Richard Dawkins zugehört…
Wir möchten also unserer Vergänglichkeit entfliehen, indem wir einfach so tun, als seien wir eben das genau nicht. Was hat nun das “ich-Bewusstsein” mit dem Selbstmord dieses armen Irren zu tun? Mir ist vollkommen schleierhaft, wie Du diesen Bogen gespannt hast, aber auch das Thema vom “ich” und der Seele ist überaus spannend, also auch dazu ein paar Worte:
Klar, dieses romantische Bild der “religiösen” Seele ist etwas lächerlich, aber wo ist eigentlich der Unterschied zwischen der Seele der Religionen, die die Wissenschaft angeblich ausschließen kann und dem “ich”, nach dem sie suchen? …lassen wir mal diesen Unsterblichkeitsquatsch” außen vor…
Ebensowenig wie die menschliche Seele konnte man bislang ein “ich”-Organ oder ein “ich”-Areal im Gehirn ausfindig machen, und im Grunde muss man darüber auch sehr froh sein. Eine schreckliche Vorstellung, man könnte mein “ich” operativ entfernen oder gegen das “ich” eines anderen Menschen austauschen. Mein “ich” auf meine genetischen Grundlagen herunterzustufen ist auch eher schwierig, da z.B. eineiige Zwillinge, die genetisch nuneinmal zu 100% übereinstimmen, dennoch ein jeweils eigenes “ich”-Bewusstsein ausprägen. Das ist sogar bei siamesischen Zwillingen so, die sich eben nicht nur eine Zygote, sondern auch den Körper im weiteren Verlauf teilen.
Daher haben viele Leute, wie z.B. der allseits bekannte Herr Mach, der nebenbei die Schallgeschwindigkeit berechnet hat, das “ich” einfach mal abgeschafft. Gar nicht so unlogisch, da sich unser Körper doch aus den Molekülen aufbaut, die wir (oder unsere Mutter während ihrer Schwangerschaft) zu uns genommen haben. Wäre die Raupe irgendeines Tagpflaumenauges schneller am Salatblatt gewesen, säße mein “ich” jetzt vielleicht da.
Mein “ich” hängt also weder von meiner genetischen Ausstattung, noch von meinen biochemischen Grundlagen allein ab. Deine Bezeichnung als “Illusion des eigenen neuronalen Systems” scheint da schon sehr treffend, auch wenn das natürlich sehr schwammig ist.
Zum Abschluss nun nur noch ein paar Anmerkungen zu Deiner persönlichen kleinen Evolutionstheorie:
Ebenso, wie der Mensch nicht von Anfang an ein “ich”-Bewusstsein besitzt (Kleinkinder können sich im Spiegel (reflektierendes Ding) nicht selbst erkennen), kann man dies nicht allen Tieren absprechen. Menschenaffen und auch einige Meeressäuger sind durchaus in der Lage, ihr Spiegelbild zu erkennen. Affen kann man z.T. sogar ein gewisses Moralverständnis nachweisen, was voraussetzt, dass sie sich in andere Wesen hineinversetzen und diese damit von sich selbst unterscheiden können.
In der letzten Ausgabe des Spiegel (Zeitschrift) wurden übrigens IQ-Tests angeführt, bei denen Schimpansen und Menschen gleichen Alters (Kleinkinder) in den Bereichen Logik, räumliches Denken und Abschätzen von Mengen exakt gleich gut abschnitten. Es erscheint also eher kritisch, von “niedriger intelligenten Lebenwesen” zu sprechen.
Vom Buddhismus habe ich keinerlei Ahnung, also halte ich mich dazu geschlossen und bedanke mich nur noch für den Bezug auf Frank Schätzings Yrr (auch einer meiner Lieblingsautoren).
Da Dich dieses Thema anscheinend sehr interessiert, empfehle ich Dir das Buch “Wer bin ich und wenn ja, wie viele?” von Richard David Precht. Ein meiner Meinung nach schlecht geschriebenes, aber inhaltlich sehr interessantes Buch über das “ich”. Zum wissenschaftlichen Stand sei noch gesagt: In meiner Bachelorarbeit werde ich vermutlich Proteine untersuchen, die vermutlich an der axonalen Wegfindung bei der Verschaltung von Neuronen beteiligt sind. Ich fürchte, bis man ein “ich” gefunden oder seine Entstehung aufgeklärt hat, wird noch einige Zeit vergehen.
Dass das Ich selbst auf biochemische oder genetische Grundlagen angewiesen ist, wäre natürlich eine unvorsichtige Behauptung. Die Festsetzung eines Ich-Bewusstseins auf bestimmte Moleküle lässt sich in dem Zusammenhang auch nicht vertreten, schon weil sich die Moleküle des menschlichen Körpers im ständigen Austausch befinden. Das allein verurteilt glücklicherweise jegliche Versuche, das Ich zu lokalisieren oder nur seine Existenz zu beweisen, zum Scheitern. Es ist physisch nicht vorhanden.
Vorhanden ist bei hinreichend entwickelten Lebewesen – ob Mensch oder nicht – lediglich die Veranlagung, *dass* ein Ich-Bewusstsein entsteht. Ob diese Art von Bewusstsein die finale Form der Entwicklung ist, sei mal dahingestellt.
[Anmerkung: Davon unabhängig betrachte ich die Erkennung des eigenen Spiegelbildes als irrelevant für den Beweis eines eigenen Bewusstseins, da die Identifikation mit einem extrakorporalen Gegenstand (in diesem Fall der Reflexion) unintuitiv ist. Dass ein Wesen sein Spiegelbild erkennt, zeugt meiner Meinung nach nur davon, dass dieses Wesen das Konzept eines Spiegels begriffen hat.]
echt guter Blog, mach weiter so !