Atheismus = Fundamentalismus?

30.11.2009 00:12 von Thomas

In letzter Zeit habe ich zwei Debatten beigewohnt, was für jemanden, der sich als politisch zumindest interessiert bezeichnet, etwas beschämend sein dürfte. Rückblickend auf die Qualität der Debatten kann ich mir allerdings kaum einen Vorwurf machen: Die “Diskussionsrunde” diverser Oberbürgermeisterkandidaten Ende August war ein unausstehliches Sammelsurium von Wahlsprüchen und Parteiengezänk. Die intelligence²-Debatte zur Behauptung “Atheismus ist der neue Fundamentalismus” am heutigen Abend litt an ebenso schlechter Argumentation, zumindest auf Seite der religiösen Befürworter, sowie an langatmigen und ziellosen Fragen aus dem Saalpublikum.

Hätte man vor Anbeginn der Veranstaltung mal genau geklärt, was Fundamentalismus überhaupt ist (das unumstößliche Festhalten an Überzeugungen und Dogmen unabhängig von ethischen und kulturellen Wandeln), hätte die ganze Debatte, wenn sie denn überhaupt stattgefunden hätte, keine drei Minuten gedauert. Der moderne Atheismus, geboren aus Neugier am Bestehenden sowie der Unzufriedenheit mit den dogmatisch feststehenden (unlogischen) religiösen Welterklärungen und den daraus gezogenen Konsequenzen, ist zu Fundamentalismus per definitionem überhaupt nicht in der Lage. Der Biologe Prof. Richard Dawkins und der Philosoph A. C. Grayling verstanden diese Tatsache auch wortgewandt zu vertreten, mussten sich jedoch ermüdend oft gegen Versuche der kirchlichen Seite zur Wehr setzen, bereits die Infragestellung einer göttlichen Macht aus Mangel an Beweisen zum “Fundamentalismus” umzudichten.

Ich kann mich nicht an jede einzelne Wortmeldung erinnern, schon weil ich angesichts diverser logischer Fehler in den Beiträgen der Pro-Fraktion mehrfach meinen Kopf gegen die Tischplatte hauen musste. Deshalb lasse ich den Verlauf der Debatte im Detail unkommentiert. Glücklicherweise beinhaltete die Veranstaltung auch eine Publikumsumfrage, an der auch die Zuschauer des Live-Streams teilnehmen konnten. Die Ergebnisse sagen viel mehr über die Qualität der Argumente aus, als ich es je könnte.

Atheismus ist der neue Fundamentalismus
Vor der Debatte (Saalpublikum/Online)
Ja: 333/48
Nein: 675/837
Weiß nicht: 389/72

Nach der Debatte
Ja: 363/35 (+30/-13)
Nein: 1070/877 (+395/+40)
Weiß nicht: 85/12 (-304/-60)

Hoffentlich ist das Thema bald mal vom Tisch.

Mein Dank geht an P.Z. Myers, ohne dessen Hinweis ich von der ganzen Sache nichts mitgekommen hätte.

“Neue” Version

28.09.2009 01:21 von Thomas
Wordpress-Update

Wordpress-Update

Ganz tolle Idee, Wordpress.

Upda7e

26.09.2009 20:42 von Thomas

Jetzt muss schon Leetspeek herhalten, nur damit ich noch eine stilechte Überschrift zustande bekomme, aber beim nächsten Mal geht’s auch wieder um was anderes. Immerhin haben die Vorlesungen zumindest in Maastricht wieder angefangen, und es gibt somit wieder andere Dinge, mit denen ich hier nerven kann.

Apropos Maastricht: Für das Modul “Community Building” war ich gezwungen, also extrinsisch motiviert, noch einen Blog aufzusetzen, der sich nur um eben dieses Community Building dreht. Sollte irgendwer das auch noch lesen wollen, gibt’s den Blog hier.

Jetzt aber zurück zum oben angekündigten Thema: Mittlerweile ist ein Monat vergangen, und ich komme mit dem sich immer noch ein bisschen wie ein Fremdkörper anfühlenden 7 immer besser zurecht. Nicht unwesentlich dazu beigetragen haben ein paar Kleinigkeiten…

  • Ich habe wieder eine funktionstüchtige Webcam. Gut, das war angekündigt, ist aber trotzdem toll.
  • Mein geliebter Synthi lässt sich auch wieder benutzen. Musste zwar ein bisschen mit verschiedenen Betriebsmodi herumfrickeln, aber es klappt.
  • Die Abstürze haben aufgehört, auch wenn’s nicht am Mainboardtreiber gelegen hat. Irgendein Programmmodul kam nicht damit zurecht, dass die Grafikkarte zu Stromsparzwecken ständig rauf- und runtergetaktet wurde. Jetzt wird die Karte von einem kleinen Tool ständig auf 5 MHz unter Maximaltakt gehalten (Vorsicht ist die Mama von der Box mit dem alten Geschirr drin), und seitdem habe ich nicht einen einzigen Bluescreen oder Freeze oder sonstwas gesehen.

Das war’s für’s erste darüber. Für meinen Drucker ist mir noch nichts eingefallen, weil Canon wohl selbst keine Treiber mehr produzieren dürfte, aber immerhin kann ich ihn mit dem Laptop noch benutzen.

So, jetzt gibt’s Essen. Adios.

7-Sünden

30.08.2009 02:56 von Thomas

Ich bin ein Egozentriker.

Das ist an sich nicht gerade eine neue und keineswegs eine überraschende Erkenntnis, gilt das doch in unterschiedlichem Ausmaß für jeden Menschen, gleich wie sozial er sich gibt oder inwieweit er sich dessen überhaupt bewusst ist. Der Grund dafür, dass ich hier unnötigerweise Offensichtliches herausposaune, liegt darin, dass ich in meinem letzten Beitrag angekündigt hatte, eine Fortsetzung zu liefern und zu erzählen, wie sich mein Schreibtischgeschoss mit Microsofts neuem Betriebssystem herumschlägt.

Egozentrisch war dabei schon die Annahme, dass die bessere Taskleiste, der bessere Soundmixer und all die anderen Eigenschaften von Windows 7, die nur dazu führen, dass ich es bequemer habe, alles sind, was man bei einem Systemwechsel bedenken muss. Dass so ein Computer ein komplexes Zusammenspiel von Teilen unterschiedlichster Herkunft darstellt, hatte ich arroganterweise missachtet. Die Quittung dafür bekomme ich mittlerweile in kleinen Häppchen serviert, die ich zwecks besserer Übersicht einfach wieder in eine Liste packe:

  • Mein Lieblingscomputerspiel “FlatOut 2″ lässt sich nur noch mit Hilfe eines Cracks spielen, da der blöde Kopierschutz inkompatibel ist und vom Spiel selbst dann nicht erkannt wird, wenn man eine kompatible neue Version aufspielt. Microsoft drängt mich in die Illegalität. Vielleicht auch noch mit einer Reihe anderer Spiele, mal sehen.
  • Meine Grafikkarte produziert (-e bis zum heutigen Nachmittag) unregelmäßig Bildfehler und Freeze-Abstürze. Das Problem scheint nach der Installation neuer Treiber fürs Mainboard behoben zu sein, aber mit dem Aufatmen warte ich noch ein paar Tage.
  • Meine Webcam redet nicht mehr mit mir. Also metaphorisch. Gut, das ist nichts neues. Die neue Cam ist schon auf dem Weg.
  • Mein Drucker redet auch nicht mehr mit mir – äußerst ärgerlich. Für den gibt’s aber noch Hoffnung, also neue Treiber. Bald vielleicht.
  • Mein Synthesizer redet auch nicht mehr mit mir. Die Abhilfe (alternative Verbindungskabel) kommt mit der Post, zusammen mit der Cam.

Den ganzen Sch*** hätte ich mir eigentlich denken können, beim Umstieg von 98 auf 2000 damals war’s ähnlich.

Nicht missverstehen bitte! Der Rest von Windows 7 gefällt mir nach wie vor ziemlich gut. Wenn’s was neues gibt, nerve ich hier wieder damit herum. Auch wenn mir irgendwann die Überschriften ausgehen dürften.

7 up

24.08.2009 02:08 von Thomas

Wie schon via Twitter angedroht habe ich heute bei herrlichen 25 °C Außen- und 28 °C Innentemperatur nicht etwa im Park gelesen oder endlich mal mein repariertes Fahrrad probegefahren, sondern die dringlichste aller Computer-Binsenweisheiten “Never change a running system” in den Wind geschlagen und das extrem neue Windows 7 auf meinem Hauptrechner installiert. Ich, der ich damals schon Windows 98 übelst verabscheut (“95 ist doch viel besser!”) und Vista komplett übersprungen habe, benutze jetzt ein System, das so neu ist, dass es erst in zwei Monaten überhaupt im Laden steht. Selbst als MSDNAA-Genießer musste ich mir die Installations-DVD aus einer per BitTorrent geladenen deutschen Ultimate-Version zurechtschnippeln, bevor ich die von der FH zur Verfügung gestellte Lizenz in meiner Muttersprache benutzen konnte.

Skurriles Detail in dem Zusammenhang: Die FH bietet neben der englischen Professional-Version von Windows 7 eine DVD mit Language Packs an, mit denen man die Sprache einer Windows-Installation nachträglich ändern kann. Dummerweise funktioniert genau das eben nicht mit der Professional-Version, sondern nur mit Windows 7 Enterprise oder Ultimate. Daher das oben erwähnte Rumgefrickel.

Die Installation selbst dauerte etwa eine Dreiviertelstunde – etwas überraschend für mich. Nicht ganz unvorsichtigerweise hatte ich mir das System im Vorfeld auf einem virtuellen PC installiert, was nur knapp 20 Minuten in Anspruch genommen hatte. Dass der “richtige” Rechner während der Installation aber zwei großzügige Pausen einlegte, in denen auf Bildschirm wie Festplatte mehrere Minuten lang so ziemlich gar nichts passierte, stand nicht auf dem Plan.

Davon abgesehen verlief die ganze Konfiguration erstaunlich stressfrei, weshalb ich euch die Einzelheiten ab hier erspare und nur ein paar vollkommen unzusammenhängende Dinge aufliste, die mir seitdem aufgefallen sind.

  • Die Aero-Snap-Funktion, die ein Fenster automatisch auf die halbe Bildschirmbreite einpasst, wenn man es an den linken oder rechten Bildschirmrand zieht, ist herrlich nutzlos, wenn man zwei Monitore nebeneinander hat, denn auf der Grenze zwischen den Bildschirmen funktioniert sie nicht. [Nachtrag: Mit Windows-Taste und Links/Rechts funktioniert es doch. Glück gehabt.]
  • Der seit Vista eingeführte neue Soundmixer, der jedem Programm mit Soundausgabe einen eigenen Regler zuweist, ist ein Segen sondergleichen: Ich kann endlich TweetDeck etwas leiser drehen, ohne dass Miranda dadurch unhörbar wird. Ganz großartig.
  • Die neue Taskleiste ist gewöhnungsbedürftig, aber ich habe jetzt schon kein Bedürfnis mehr, sie auf die dreifache Breite zu ziehen, wie noch bei Windows XP.
  • Alte Hardware ist nicht so gut geeignet. Treiber für meine Webcam gibt es nicht und wird es nie mehr geben, genau wie für die Tastatur. Letztere funktioniert wenigstens noch eingeschränkt.
  • Die Taskvorschau beim Mouseover (sehr nützlich auch am Microsoft-Stand auf der Gamescom) ist sehr praktisch bei Programminstallationen.
  • Meine Soundkarte ist unter Windows 7 kurioserweise etwa viermal so laut wie unter Windows XP.
  • C&C Alarmstufe Rot 3 läuft genauso flüssig wie gestern. Sehr gut.
  • Die meisten Windows-Gadgets sind ziemlicher Müll.
  • foobar2000 hat mich mit etwa 15 unbrauchbaren Plugins überrascht, nur weil ich 64 Bit benutze. Gut, dass ich die Plugins auch wirklich nicht brauche.
  • Man kommt sich wie der dämlichste Amateur vor, wenn man Vista nicht kennt und in 7 zunächst nichts auf die Kette bekommt. Zum Beispiel die Internetverbindung. Dabei ist es so viel einfacher als in XP, wenn man’s gerafft hat.

Naja, soviel zu Tag 1. Fortsetzung folgt.

Kaufrausch

15.07.2009 00:06 von Thomas

Mit Urlaub sieht es diesen Sommer eher schlecht aus. Allein die Ausbeute der letzten 2½ Wochen hat schon den Gegenwert einer kleinen Pauschalreise. Und ich rede noch großspurig herum, ich könnte mit Geld umgehen.

Computerspiel, Bücher, CDs, Netzteil, Grafikkarte, Soundkarte, Gamepad

Computerspiel, Bücher, CDs, Netzteil, Grafikkarte, Soundkarte, Gamepad

Auf Anfrage: Das mittlere Buch, das wie seine beiden Nachbarn nur 1,99 € gekostet hat, heißt “Die täuschend echte uneckige Erde”. Die schön gestaltete CD unten rechts ist die “Mario & Zelda Big Band Live CD”, was der wohl aussagekräftigste CD-Titel in meiner Sammlung sein dürfte. Ein paar Kostproben:

Super Mario 64 Overworld Theme

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Super Mario Bros. Medley

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Was mal jemand entwickeln sollte (Folge 02)

14.07.2009 17:29 von Thomas

Willkommen zurück! Nach fast einem Dritteljahr ohne Blogeintrag funktioniert meine Tastatur endlich wieder. Anders kann, aber möchte ich jetzt nicht erklären, warum so lange nichts außer ein paar Twitter-Meldungen von mir zu lesen war. Immerhin: Mein Restleben läuft im Großen und Ganzen super, aber das gehört nicht hierher. Stattdessen noch ein paar gar nicht so absurde Ideen für Dinge, deren Fehlen mich schon des Öfteren geärgert hat.

Teflon-beschichtete Abflussrohre

Die bekannte Analogie, dass ein Computer, ganz gleich wie er ausgestattet sein mag, für die neuesten Programme immer ein kleines Bisschen zu langsam ist, ein kleines Bisschen zu wenig Speicher hat oder einfach generell ungeeignet ist, trifft auch auf Abflussrohre zu. Sie sind immer ein kleines Bisschen zu eng, und so sammelt sich über Wochen und Monate hinweg allerlei Zeug in ihnen an, die Masse verfestigt sich, Gashüllen entstehen, Lebewesen siedeln sich an, bilden Zivilisationen und starten ihre eigenen Blogs. Um solche Mikrokosmen wieder zu entfernen und aus der Dusche keinen Stausee zu machen, ist geradezu apokalyptische Härte notwendig, wenn der rote Rächer aus Gummi das pneumatische Jüngste Gericht durch die substanzhaltigen Sanitärleitungen fegen lässt.

Damit ich diese nervige und obendrein aufwändige Pflicht unnötig machen und die Einwohnerzahl meiner Wohnung drastisch verringern kann, wünsche ich mir anti-haft-beschichtete Abflussrohre, die schon die bloße Anhäufung einfachster Lebensformen wirksam unterbinden und so die drohende Gefahr einer submarinen Invasion erfolgreich bannen können. Es reicht schon, dass so viele Insekten meine Basis infiltrieren können.

Richtschall-Sirenen

Ich bin das, was man gemeinhin eine Nachteule nennt. Bin ich nicht von äußeren Umständen gezwungen, zu bestimmten Zeitpunkten an bestimmten Orten zu erscheinen, so verschiebt sich mein Schlafrhythmus mit schöner Regelmäßigkeit immer und immer weiter nach hinten. Das hat an sich schon einige Nachteile, aber wie um dem Schaden auch noch Spott folgen zu lassen, kommt zu der depressionsfördernden Dunkelheit nicht etwa die zu erwartende Ruhe, sondern ein allnächtliches Martinshornkonzert, das in Fehltiming und Disharmonie nur noch von Bratschen getoppt wird. Lautstärke und Häufigkeit sind dabei nach meinen Beobachtungen antiproportional zum Verkehrsaufkommen, und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es die vielen um 3 Uhr nachts schlafenden Menschen besonders interessiert, welches Auto gerade an ihrem Fenster vorbei fährt.

Wenn ich irgendwas bei der Polizei zu sagen hätte, würde ich mit sofortiger Wirkung Polizeisirenen und dergleichen ab 22 Uhr auf Zimmerlautstärke beschränken (sollen die sich mal an ihre eigenen Gesetze halten) oder akustische Signale einsetzen, die ihren Schalldruck ausschließlich auf die Straße richten. Der Rest braucht’s doch eh nicht zu wissen, und den Popularitätsschub gibt es gratis dazu. Win-Win!

B-Deutungen (Folge 01)

26.03.2009 01:19 von Thomas

Die gestrige erste Vorlesung im Fach “Mediengeschichte” mit Frau C. Mayer begann nach einem Multiscreen-Problem – kaum war ich zur Tür herein – mit dem leicht überheblichen Zitat, man könne genauso gut die Geschichte der Medien niederschreiben wie die Geschichte von allem, was mit dem Buchstaben B beginnt. Nachdem ich mir den restlichen Inhalt dieser ersten Vorlesung noch einmal gründlich durch den Kopf habe gehen lassen, erscheint mir die Sache mit dem B lohnenswerter. Deshalb exklusiv hier ab jetzt:

Eine kurze Geschichte von allem, was mit dem Buchstaben B beginnt (ohne festgelegte Reihenfolge)

Buzzword

Das Buzzword als sprachlich attraktive, verschleiernde Worthülse für Begrifflichkeiten aller Art ist seit etwa 2000 Jahren bekannt. In Rom verdingten sich zur Zeit von Kaiser Augustus zahlreiche aus Griechenland übergesiedelte Philosophen und Komödianten, die auf offener Straße wilde Diskussionen vom Zaun brachen oder die römischen Einwohner mit komplizierten Wortspielen belästigten. Um 20 n. Chr. trieb es ein hebräisch-griechischer Immigrant namens Daniel, der sich den Beinamen “der Größere” gab, in den Augen der Bevölkerung zu weit. Er wurde in einer Volksabstimmung der übermäßigen Nutzung des Begriffs “Euphemismus” für schuldig befunden und auf einen Berg in der Nähe der nördlichen Reichsgrenze verbannt.

Diese Praxis erfreute sich großer Beliebtheit, und so wurde innerhalb der nächsten Jahrzehnte eine nicht mehr feststellbare Anzahl an Wortspielern, Witzbolden und Phrasendreschern auf den gleichen Berg verbannt, der schon bald den landläufigen Namen “Berg des Scherzes” (lat.: mons ioci) trug. Die Ausgestoßenen jedoch siedelten sich auf dem Scherzberg an und errichteten ein Denkmal zu Ehren Daniels des Größeren, vor welchem kniend jeder Bewohner des Scherzbergs einmal in der Woche eine neue Worthülse herausschreien musste.

Auch wenn das Denkmal um 1450 entwendet wurde und nicht mehr auffindbar ist, lebt der Brauch bis zum heutigen Tag weiter. Noch 2008 stammten etwa 85% aller weltweit neu eingeführten Buzzwords aus der gleichen kleinen Region. Das Zentrum dieser entarteten Kreativität ist heute wie damals die Siedlung auf dem Berg des Scherzes, die nach ihrem Gründungsnamen Mons Ioci im Mittelalter unter anderem Munioy, de Můns Yoia und de Muynzie hieß und heute den Namen Monschau trägt.

Technikdemo

10.03.2009 03:36 von Thomas

Die diesjährige CeBIT, beschämenderweise meine erste, lässt mich nach ein paar Tagen Erholung vom überbordenden Schauen und fußplättenden Umherlaufen mit gemischten Gefühlen zurück. Obwohl ein kompletter Messetag nicht ausreichte, um alle Aussteller und Produkte auch nur anzusehen – selbst wenn man die Sintflut aus ostasiatischen Minifirmen, deren Namen fast durch die Bank auf “-tech” enden, links liegen lässt – und die Ausstellungsfläche locker ausgereicht hätte, um alle Spiele einer Fußball-Weltmeisterschaft gleichzeitig auszutragen, waren richtige Innovationen so schwer zu finden wie eine Nadel in der gesamten Heuernte Ringenbergs seit 1950. Was den trotz 20% Rückgang im Vergleich zum letzten Jahr immer noch vielen Besuchern als Neuerungen verkauft wurden, waren Weiterentwicklungen und mal mehr, mal weniger gut funktionierende Kombinationen bereits bekannter Technologien. Das ist an sich gar nicht besonders schlimm, doch die Konzepte hinter den Produkten und den Präsentationen waren oft von einer derart blindwütigen Sinnlosigkeit beseelt, dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Firmen bestünden nur noch aus ihren Werbeabteilungen. Deshalb zog sich durch den Donnerstagnach- und Freitagvormittag, den ich in Hannover verbrachte, ein in seiner Form variierendes, aber immer lauter werdendes “Warum?” in meinem Kopf. Warum? Nun…

Mein kleiner Rundumschlag beginnt bei der Technologie, die seit einer halben Ewigkeit in zahllosen Blogs, Zeitungen und Magazinen bis zur Reizüberflutung hochgejubelt wird: Multitouch-Flächen. Ich muss gestehen, dass mir das Herumspielen mit dem halbrunden, mehrere Meter langen Draufpatschtisch am Telekom-Stand (Halle 26) durchaus Spaß gemacht hat, doch gab’s das (in besserer Form) auch schon auf der CeBIT 2008. Das sei hier verziehen, glänzte der Stand der FH Aachen doch auch nicht gerade mit technischen Revolutionen, doch hier wird eine nur bedingt marktreife und dazu fehlgeleitete Technologie auf die Kunden losgelassen. Der Pferdefuß liegt dabei gerade in der hervorstechendsten Eigenschaft, denn die Multitouch-Erkennung arbeitet noch zu langsam. Die Bilder und Videos unter der berührungsempfindlichen Oberfläche benötigen ein paar Zehntelsekunden, um den wischenden Bewegungen der Finger zu folgen, was nicht nach viel klingt, sich jedoch zu einer halben Ewigkeit entwickelt, wenn ich mir vorstelle, mein Mauszeiger hätte eine solche Verzögerung. Schnelles und präzises Arbeiten lässt sich so kaum realisieren.

Darüber hinaus müsste man eine goldene Himbeere für die Idee vergeben, diese Technik in einem Tisch unterzubringen. Wer hat denn da seinen Verstand in Urlaub geschickt? Mal von den hygienischen Bedenken abgesehen ist die Bedienung eines Computers mit einem horizontal vor dem Benutzer liegenden Bildschirm eine ergonomische Katastrophe geradezu halsbrecherischen Ausmaßes. Wenn der Benutzer dann mal eine Pause braucht, gedankenverloren aufsteht oder die Arme auf die Platte legt und damit den Tisch verrückt spielen lässt, ist das Chaos perfekt. Dass sich das Möbelstück außerdem kaum noch als richtiger Tisch nutzen lässt, fällt da fast schon nicht mehr ins Gewicht.

Weiter geht’s bei Matrox (Halle 21). Der Grafikchiphersteller widmete seinen Messeauftritt der atemberaubenden Möglichkeit seiner Pixelschubser, drei Monitore gleichzeitig anzusprechen. Woohoo. Das Neue an der Sache ist wohl, dass es mittlerweile auch Spiele abseits des MS Flight Simulator gibt, die mit drei oder mehr Bildschirmen was anfangen können. Burnout Paradise auf dreimal 1280×768 mit 145° Blickwinkel war schon ein Erlebnis, aber für jemanden, der bereits seit einiger Zeit mit zwei Monitoren arbeitet, kein Grund zum Erstaunen. Meldet euch wieder, wenn ihr die Auflösung auf einem Bildschirm hinbekommt. Oder besser gleich dreimal Full-HD. Dann hebe ich auch mal beide Augenbrauen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (Halle 9) hat’s wohl eher mit der zweiten Hälfte ihres Ressorts, sonst hätten die Damen und Herren gemerkt, dass die humanoiden Roboter, die auf ihrem Stand ausgestellt wurden, auch nur das sind: Humanoid. Sie sind nicht leicht zu koordinieren, der praktische Nutzen von genau zwei Armen (nicht mehr, nicht weniger) ist nach wie vor unbewiesen, und der Eignungsvorteil für bestimmte Aufgaben dem Menschen gegenüber beschränkt sich auf ihre Materialzusammensetzung. Hier möchte ich den schwarzen Peter aber nicht dem BBF zuschieben, denn die halbe Robotikbranche ist dieser Maxime verfallen. Dabei könnte man sich das Entwicklerleben so viel leichter machen, wenn man sich ein paar Dinge vor Augen führt: Der beliebteste Filmroboter ist weder der altruistische Sonny aus I, Robot noch Pixars liebeskranker Wall•E, sondern der rollende Blecheimer R2-D2 aus Star Wars. Ähnliches gibt es in der echten Welt zu sehen, wo Sonys Aibo in Hundeform ein Kassenschlager ist, während zu humanoide Roboter Menschen eher abschrecken. Sei’s drum – wenn das menschliche Maschinengehampel Forschungszwecken dient, soll es mir egal sein.

Eine komplette Halle (22) hatte Chipgigant Intel besetzt, um seine aktuelle Core-i7-Familie zu bewerben. Als Vehikel diente dabei die Electronic Sports League, genauer gesagt die Intel Extreme Masters III, beides Begriffe außerhalb der üblichen Gesprächsthemen eines normalen CeBIT-Besuchers. Entsprechend fremd wirkte das Spektakel, bei dem wettbewerbsmäßig die Spiele Counter-Strike und World of Warcraft gespielt und die Matches mit Audiokommentar unterlegt auf zwei großen Leinwänden vor Hunderten U30-Zuschauern gezeigt wurden. Aufwändig – klar, effektvoll – sicher, relevant – weit davon entfernt. Zum einen entfalten die brandneuen i7-Prozessoren ihre durchaus beeindruckende Mehrleistung gegenüber den älteren Core-2-Modellen hauptsächlich bei Anwendungsprogrammen und gerade eben nicht bei Spielen. Ferrari präsentiert seine neuen Motoren doch auch nicht in der Tempo-30-Zone. Zum anderen ist WoW mittlerweile vier Jahre, Counter-Strike satte zehn Jahre alt. Beide Spiele nutzen die Leistung eines Core i7 nicht einmal ansatzweise aus; selbst die Core 2 Extreme, mit denen sie gespielt wurden, sind hoffnungslos überdimensioniert.

Etwas unterdimensioniert war leider der Rechner für die Multiview-Präsentation auf “unserem” Stand in Halle 9, wo ich meine kleine Bashing-Tour über die CeBIT 2009 beenden möchte. Die Volleyballerinnen von Alemannia Aachen ruckelten sich in vierfacher Ausfertigung über den nur teilweise ausgefüllten HD-Fernseher und waren auch nicht immer absolut synchron, aber immerhin funktionierten Konzept und Technik, auch wenn der ausgelobte Lockspruch “Wir haben die BluRay ins Internet gebracht. Und nicht nur das – wir haben sie erweitert!” reichlich übertrieben war. Nicht so übertrieben jedoch wie der Name des Programms, das ein lang- und fettighaariger Mensch von der Fernuniversität Hagen am anderen Ende unseres Gemeinschaftsstands ausstellte: Ein “Total Freedom” genanntes Programm zur Steuerung von Powerpoint- oder PDF-Präsentationen durch Gesten, das jedoch so überaus empfindlich reagierte, dass selbst Passanten auf der gegenüber liegenden Seite des Ganges Folien umschalteten, ohne es zu merken. “Total Freedom if by total you mean that you must not make the slightest move unless you want to flip pages” wäre wohl ein passenderer Name gewesen.

Zumindest lustig anzuschauen, so wie der Rest der Messe.

Grastricht

13.02.2009 19:21 von Thomas

Bonnie hatte schon so eine Vorahnung.

Es gibt nachvollziehbare Gründe für eine Fahrt nach Maastricht. Die Stadt ist in hohem Maße shoppinggeeignet (sofern man eine Frau ist), die vorherrschende Architektur weiß zu gefallen, und die Hogeschool Zuyd liegt ebenfalls dort. Letzteres war unser Beweggrund für den Trip über die Grenze, denn heute fand der “Informationstag” für uns bald international tätige C-MD-Studenten statt. Die Anführungszeichen erklären sich aus der phänomenalen Länge der Veranstaltung, die nur knapp die Eine-Stunde-Grenze überschritt.

Ein weitaus häufiger genannter Grund für die Reise in die Niederlanden ist jedoch die dortige Gesetzeslage. Die interessanten Abschnitte dürften in etwa bekannt sein und werden deshalb auch nicht näher vorgestellt, jedenfalls scherzte Bonnie bereits auf der Hinfahrt, dass der mit mehreren Studenten besetzte Mercedes ihres Vaters mit Bielefelder Kennzeichen nicht gerade ein Muster an Unauffälligkeit sei.

Die Polizei, die uns offenbar für eklatant dreist oder eklatant dämlich hält, ließ sich auf der Rückfahrt dann auch nicht zweimal (genau genommen auch nicht einmal) bitten und zog uns kurz vor Aachen mit dem optischen Abschleppseil aus dem Verkehr. Wir freuten uns trotz des Schneefalls auf das kleine Intermezzo mit unseren treuen Staatsdienern, und Flo hatte auf dem Beifahrersitz sogar kurz überlegt, allein um der Gelegenheit willen noch etwas verdächtiger zu wirken, als er es seiner Herkunft wegen sowieso schon ist. Als die Polizisten uns nach der Herausgabe unserer Papiere jedoch weitestgehend in Ruhe ließen, waren wir etwas enttäuscht. Nur Daniel, der zwecks Aussagenabgleich das Auto verlassen musste, lief draußen zu Hochform auf und erklärte seinem Interviewer sämtliche Details unseres Studiengangs. Der jedoch wollte von Interdisziplinarität, fünf Säulen und Monschau nicht viel hören, und so konnten wir nach der üblichen Durchleuchtung unserer Personalien unbehelligt weiterfahren.

Schade eigentlich.